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Donnerstag, 10. Mai 2012
Der Angriff des Greif

Autor: Christian Gauer
Jahr 2012

Menschen kennen Grenzen, Tiere eigentlich auch. Wieso aber das Verhalten eines menschlichen oder tierischen Individuums manchmal Offenheit gegenüber dem Anderssein zeigt, bleibt im eigentlichen verborgen. Solange der Mensch die ausgetretenen Pfade der Zivilisation beschreitet, solange er in der Sicherheit des Wohlfahrtstaates lebt, wird er nie in Bedrängnis geraten, seine Grenzen anderst bestimmen zu müssen. Die künstliche Parallelwelt, die er sich geschaffen hat, gehört ihm. Die Berge, Seen, Flüsse und Täler jedoch noch weitgehend auch den Tieren.-

Solche Gedanken sind es, die an jenem schönen Novembermorgen, mein kognitives Verständnis der Welt filtrieren.

Vetrauenswürdig, aber durch mich nicht immer gutgeheissen, meldete sich mein Körper mit einem flauen Morgengefühl. Müde nahm ich die ersten paar Laufmeter vom Schlafzimmer ins Ankleidezimmer unter die Füsse. Die ersten Strahlen der noch morgendlichen Sonne kleideten die Wohnstube in warmes Gold, vertrieben allmählich meine düsteren Gedanken. Als der Geruch von Kaffee meine Sinne betörte, und als das braunheisse Nass in meinen Magen floss, wurden meine Morgenmuffelallüren vollends ins Abseits getrieben.

Durch die Energie des Kaffees aus der Senke des Vergessens gezogen, war ich nun zu jedweder Tat bereit. Schon in der Frühe des Tages hatte ich mein Briefing absolviert. Dies erledigte ich jeweils liegend und es informierte mich über meine Tagesziele, trennte mich aber auch von Unwichtigem. So nahm ich mir heute die Zeit, mich mit meinen Streifutensilien zu wappnen, die ich an einem Ledergürtel hängen hatte. Meine Hunde zurrte ich in ein Zaumzeug und schon bald war ich bereit, mich den Wegkilometern entgegen zu stürzen. Meine Routen waren allesamt so beschnitten, dass ich in ein bis zwei Stunden wieder zu Hause sein konnte. Denn schliesslich musste ich als Hausmann, was mir mein Briefing mit unverücklicher Festigkeit immer wieder vor Augen hielt, haushälterische Taten einbeziehen.

Nun aber zog ich aus dem Duft von Abenteuer erstmal meine Inspiration. Der Weg führte mich hinauf zur Strasse, die zur nächsten Siedlung führte. Gehorsam trotteten meine zwei Streifer hinter mir her. Sie gehorchten im Allgemeinen meinen Befehlen. Eine Grenze war jedoch erreicht, wenn sie den Kopf zur Jagd neigten. Ungefähr zur Halbzeit meiner heutigen Route, passierte ich eine Wiese, an dessen Rand sich ein abschüssiger Streifen Wald entlang eines Baches zog. Seltsame Nebelschwaden umschlichen Inseln aus trübem Schein. Durch ihr Brechen des Sonnenlichts, verwandelten Wolken so gross wie Raumschiffe die Landschaft in eine grosse Partyhalle.

In Gedanken holte ich jene Völker aus der Gedächtnistruhe, die von der Jagt gelebt haben. Wie musste es wohl gewesen sein, als tägliche Beschäftigung die Beschaffung von Essbarem zu haben, und dies nicht bei Coop Migro oder Aldi, sondern durch jagen tätigen zu können! Meine Hunde zehrten an der Leine. Irgendwoher ertönte der schrille Schrei eines Raubvogels. Ich weilte noch bei den Jägern, als ich bemerkte, das der Schrei des Greifs näher gekommen war. Intuitiv schaute ich um mich, erblickte die Vögel immer noch in beruhigender Entfernung.

Die Welt war für mich in Ordnung, die Grenzen klar gezogen, ich auf dem Boden, du da oben. Ich setzte also in einem von Raubtieren gesäuberten Land einen Fuss vor den andern. Ich konnte diese Spezies beobachten, ohne Gefahr zu laufen. Indessen zog der Greif seine Kreise tiefer und enger. Ich ging in die Hocke, rief die Hunde zu mir, wollte das Schauspiel geniessen. Der Greif hatte seinen Schnabel offen, schien zu lächeln. Einen steinwurfweit in der Höhe zog er weiter seine Kreise. Mein Knie begann zu schmerzen. Neben mir sassen immer noch meine Hunde.

Unvermittelt traf ein Strahl der Sonne mein Gesicht und ich schloss kurz meine Augen, neigte zudem meinen Oberkörper leicht zurück. Goldenes Gelb lies die Wirklichkeit zum Traum werden. Wilde Tiere ästen im Dunst unrealer Wirklichkeit, verschlossen meinen Sinn für das Existentielle. Zeitlupenmässig stiess der Schemen des Greif mit den Krallen voraus hernieder. Triumphierende Pfiffe gellten durch den Äther. Ich hob meinen Stab zur Abwehr über den Kopf. Die Kralle streifte meine Stirn, Federn schlugen mir ins Gesicht. Gerade als der Greif fester zupacken wollte, konnte ich mich aus meiner Befangenheit lösen. Fester packte ich meinen Stab und ruderte mit den Armen. Schliesslich tat ich einen finalen Streich und für einen kurzen Augenblick brannte mir der Blick des Greifs seine tierischen Gefühle ins Gedächtnis.

So geisterhaft wie er mir erschienen war, entfernte sich der Greif auch wieder und ich schaffte es, mich in ein nahes Wäldchen zu retten. Noch nicht richtig bei Sinnen, versuchte ich erstmals meine Gedanken zu ordnen. Blut rann mir dabei auf die Nase, verklebte mein Gesicht und zeugte von einer Realität, die ich so nicht wahrgenommen zu haben glaubte. Unvermindert freundlich sandte die Sonne ihre Strahlen übers Feld, und ich überlegte, was es denn nun war, das meine Wege mit einem unerwarteten Abenteuer belegte.

Hatten meine Hunde in den Minuten des Träumens mit mir gebalgt? War es wirklich dieser von mir zuletzt beobachtete Greif, der in meine Welt einbrach? Und als er auf mich niederstürzte, hatte er etwas in mir oder an mier bemerkt, das mein Wissen übersteigt? Fragen über Fragen türmten nun meterhoch mein Hirn zu, wo vorher noch eitel frei ein Traum war. Stirnwunde hin oder her, jetzt war ich wirklich erstaunt, wusste nicht mehr was der Realität entsprach. Ob Hund oder Vogel, würde mich die Natur noch mit andern Abenteuern beschenken?

Ich liess die Wiese hinter mir, befolgte wieder Wege, die innerhalb meiner Grenzen lagen. Eingangs vermittelte ich den beinahe zum Schädel verkommenen Kopf des Greifs. Selbstredend hat er sich mir eingebrannt, an den Rest, kann ich mich nicht erinnern.

jh

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