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Samstag, 6. April 2013
burgess erklärt 1984

1948: Gespräch mit einem alten Mann

Worin Burgess schon einmal feststellt, dass 1984 eine ironisch philosophische Note hat und gleich auch anmerkt, dass Orwell 1948, da er 1984 schrieb, also drei Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, so etwas wie eine Zustandsanalyse Londons der Nachkriegszeit verfasste. Und so muss man bedenken, dass es den Engländern noch nicht wirklich besser ging. Die Wohngegenden waren heruntergekommen,das Essen rationiert, Hygieneartikel noch nicht wieder erhältlich. Und gleich schwenkt Burgess den Strahler auf den Fernseher. Im Roman Orwells ist er zum Televisor mutiert, zum alles sehenden Auge des grossen Bruders. Orwell prophezeit also, dass gerade der in die Gesellschaft eingeführte Fernseher dem Staate als Kontrollorgan dienen werde. Wurde Orwell von einer unbestimmten Angst infilltriert, die in allen Stuben vorhandene Neuheit diene in der Nachkriegszeit zur Überwachung des Bürgers?

Und so stellt Burgess nüchtern englisch fest, dass Orwell gar kein visionäres Londen entworfen hat sondern auf den Seiten, die die Welt bedeuten, das Londen von 1948 nachgezeichnet hat. Orwell hätte lediglich Sinneseindrücke verarbeitet, keinen visionären Roman entworfen, was von weitem betrachtet, mit zeitlichem und streckenmässigen Abstand, schwer zu beurteilen ist. Berufen wir uns also auf die Grundlage des Romans. Im realen Leben war Orwell Rundfunkmitarbeiter. Prägte seinen Roman also vor allem aus der Sicht eines intellektuellen Medienprofis. Hatte von dort her die Idee von Zimmer 101 im Minilieb, dem Ministerium für Liebe, wo der Staat ungehorsame Bürger bearbeitete. Tief verwoben ist die Vorstellung des Engsoz zudem mit dem tatsächlichen englischen Sozialismus. Und damit kommt der Name ins Spiel, Winston Smith, der eine Anspielung auf Winston Churchill ist, den Mann des Volkes. Im Namen aber erkenne nun das britische Volk wieder eine feine ironische Note der Erzählung Orwells, denn anstatt einer Anlehnung an Churchill und an einen edlen Charakter, hätte der Name Winston eher eine diletantische, unanständige Seite. Derweil nun Burgess auch bemerkt, dass 1945 sich das britische Volk von Churchill abwandte, und eine sozialistische Regierung wollte. Nun erklärt aber Burgess gleich wieder, dass Engsoz sich vom britischen Sozialismus unterscheidet, und erzählt von englischem Puritanismus, von Fortschritt ohne Annehmlichkeit.

1948 herrschte also eine Politik der Sparsamkeit und Einfachheit, leider aber auch gekoppelt mit anmassender Bürokratie. Orwell war Sozialist. Aber der Graben zwischen abstrakter Parteidoktrin und Lebenswirklichkeit, machte ihn krank. Dem einfachen Menschen wollte er Nahe sein, sich mit dem Arbeiter identifizieren, dabei zeichnete aber nur schon sein Standesenglisch einen Graben zwischen ihm und der einfachen Welt. Orwell selber konnte nie wirklich seine Herkunft, in der Sprache des Buches ausgedrückt, vaporisieren, völlig auflösen. Er war ein Intellektueller mit Ideen und daraus folgenden Ansprüchen an seine Umwelt. Und so lässt sich die unwürdige Darstellung der Proles, der dritten Schicht von Menschen, erklären. Seine Unfähigkeit im wahren Leben ein Teil der einfachen Welt zu sein, liess ihn die Proles erfinden. Eine Schicht von Menschen die zum Kanonenfutter der Herren degradiert war. Am Rande der herrschenden Klassen geboren, hatte Orwell aber auch nicht wirklich ein gutes Händchen im Umgang mit der Welt ererbter Tradition und der Welt reiner Doktrin. Und dass er im Roman erwog, Winston eine Revolution anstiften zu lassen, mag ein Hinweis sein, dass Orwell das damalige britische Ziel zur Durchsetzung eines Gleichheitsprinzips, unterstützte.

Burgess wirft nun einen Blick auf das Privatleben von Winston Smith und stellt fest, dass Winston sich nach der Vergangenheit sehnte. Also nach jenen Werten wie Privatleben und individuelle Freiheit, die dem Staat und dem grossen Bruder als Relikte der Altsprache und als subversiv galten. Und nun folgt jenes wortreiche Gemetzel, da Burgess alles Alte als subversiv bezeichnet, denn es stehe den doktrinären Werten im Wege. Geräuschvolle Diskussionen in alten Kneipen, familiärer Zusammenhalt und liebenswerte Polizisten, ein System, das alte Werte erhält sei Orwell lieber als verfälschtes Bier und Angst vor Abhörwanzen. Burgess gibt nun dem Roman das Recht, visionär zu sein, indem es ein Britannien darstellt, dass das metrische System schon eingeführt hat. Gegensätzlich zur Archalov, der Liebe zum Alten, beschreibt Burgess nun die Prädestination Winstons als Intellektueller. England schaute auf Russland, das Russland Stalins. Und nun kommt der Abschnitt, worin Burgess erklärt, wieso ein Intellektueller Englands, wieso vielleicht Orwell selber glaubte, der Totalitarismus Stalins diene dem Fortschritt. Denn es läge in der Natur eines Intellektuellen, fortschrittlich zu sein. Langwierige demokratische Verfahrensweisen wirkten darum hemmend. Es sei eine gute Idee, eine Zukunft zu schaffen, die schneller auf Entschlüsse von Denkern reagieren könne. Ein Intellektueller neige darum zum Revolutionär, beziehungsweise fände es langweilige, seine Ideen ohne Macht in einer freien Welt zu verbreiten, seine Tipps ohne pragmatische Anwendung zu sehen. Darum hätten Intellektuelle dauernd etwas zu husten, und solle es nicht zur Frustration kommen, muss er seine Theorien bewahrheitet finden.

Das Volk Englands, ja Orwell selber, war aber weit davon entfernt, ein totalitäres System auch nur anzuwerfen. Was England in der Gegenwart hat, ist ein minimales sozialistisches Staatssystem mit wenig öffentlichem Eigentum. Und so ist nun Burgess so weit festszustellen, dass Engsoz gewissermassen ein Namenstrick ist. Denn ohnehin ist nach Hitler das ehrenhafte an Sozialismus angeschwärzt. Orwells Buch sei eine romanhafte Zustandsaufnahme von 1948, mit Bildern, die dem zweiten Weltkrieg entlehnt sind. Orwell gab uns also seine Version, seinen intellektuellen Entwurf, seine denkerische Verarbeitung elitären Staatstums, das orwellsche Kakotopia!

jh

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